J M upload 02.09.2018, Viva Edition 136 | Print article

Grafschaf(f)t – 500 Jahre Wirken auf Gran Canaria

Die Übertragung von Märchenhochzeiten der Adelshäuser werden nach wie vor von Menschen verfolgt und in der heutigen medialen Zeit von umso mehr. In den letzten Jahren hat man den Eindruck, diese Wehmut nach Märchen und Königshäusern erlebt eine neue Rennaissance. Dafür ist sicherlich auch die Boulevardpresse, die uns all die schönen Fotos der ‚Blaublütigen‘ in schicker Kleidung, mit perfekten Manieren und mit stoischer Haltung auf dem Tableau serviert, verantwortlich. 

Sehnsucht nach Stabilität und Sicherheit

Ich frage mich nach dem Grund dafür und es scheint so, als ob die Menschen Führungspersönlichkeiten suchen. In der Politik sucht man diese mitunter vergeblich, zu kurzfristig gedacht ist der Horizont. Meist reicht es nicht einmal über die nächste Legislaturperiode hinaus. Man sehnt sich nach Sicherheit und Stabilität, die ein ‚Generationsübergreifendes Familienunternehmen‘ vielleicht bieten könnte? Als das muss man eigentlich den Adel betrachten und längst müssen auch die größten Skeptiker zugeben, dass der Marketingwert enorm ist.

Spanien, als parlamentarische Erbmonarchie, liefert ebenfalls regelmäßig Stoff für die Medien und auch auf den Kanarischen Inseln gibt es allerlei Aristrokatisches. Die bedeutendste Adelsfamilie auf Gran Canaria ist die Grafschaft del Castillo Vega Grande, die über 500 Jahre hindurch die Geschichte, Wirtschaft und Kultur der Insel maßgeblich beeinflusst und geprägt hat. Es ist der Zusammenschluss zweier nobler Blutlinien und zwar der Castillos und der Amoretos … aber dazu später. Der aktuelle Graf ist der IX. Conde Alejandro del Castillo Bravo de Laguna.1) Je mehr ich erfuhr, desto beeindruckter war ich von den Leistungen dieser Grafenfamilie und ich verspreche Ihnen, diese Lektüre wird nicht langweilig.

Von Bildung und über Manieren

Dieses Mal möchte ich gerne auf die Familie und Errungenschaften dieser Grafenfamilie eingehen und Sie auch ein wenig hinter die Kulissen führen, die so ein Leben mit sich bringt. Denn es ist keinesfalls so, dass der Adel den ganze Tag faul herumliegt und Champagner schlürft. Alle, die ich kennengelernt habe, haben einen dicht gedrängten Terminkalender, den sie mit bemerkenswerter Disziplin ‚abarbeiten‘ (lächelnd, wohlgemerkt) und sie sind in unzählige strategische Projekte involviert. Nicht selten sind sie auch der Motor, denn die Zukunft für die Nachkommen zu sichern ist eine große Herausforderung.  

Ich hatte schon mehrmals die große Ehre und Freude Fernando del Castillo Benitez de Lugo, den drittgeborenen Sohn des Grafen, auf diversen Veranstaltungen zu treffen und mich mit ihm zu unterhalten. Bei meinem vorletzten Besuch auf seiner Finca Condal in Juan Grande traf ich wieder auf diesen gebildeten Gentlemen. Sich mit ihm zu unterhalten ist ein Vergnügen. Manieren stehen ganz oben auf der Liste und die haben Fernando del Castillo und seine entzückende Frau Ana Castillo Lojendio auch ihrem zweijährigen Spross weitergegeben, ein aufgewecktes, selbstbewusstes Kind, das höflich grüßt und ein wenig Deutsch parliert. Auf meinen fragenden Blick erläutert er: „Sprachen sind sehr wichtig und wir haben aus diesem Grund ein deutsches Kindermädchen eingestellt.“

Höchste Konzentration, zu jeder Zeit gefordert

Mit einem bedeutenden Namen dieser jahrhundertelangen Familiengeschichte muss man ständig konzentriert sein, denn man wird immer und überall neugierig beobachtet. Jedes noch so kleine Faux pas würde kritisch analysiert werden und könnte Einzug finden in die Boulevardpresse. Jede Geste und jeder Satz müssen sitzen. 

‚Benimm dich Unterricht‘ statt Computer?

Manieren sind das A und O des guten Tons und man sollte dem, meiner Meinung nach, wieder mehr Bedeutung zukommen lassen. Vielleicht wäre es gar keine schlechte Idee in der Schule eine Stunde „Kultur und Manieren“ einzuführen. Viele Eltern können oder wollen dem gar nicht nachkommen und so sackt das Bildungsniveau auf ein unvorstellbares tiefes ‚Niveau‘ beharrlich nach unten. Noch immer kann ich nicht nachvollziehen, wer sich beispielsweise TV-Ekelformate ansieht. Man merkt es auch bei den Antworten von ‚Otto-NormalbürgerInnen‘ und sofort fällt mir der Spruch ein: „Deutsche Sprache, schwere Sprache“. Ethik und Anstand scheinen sich auch in Luft aufgelöst zu haben und in unserer verrohten Gesellschaft kann man sich glücklich schätzen, denn jemand einem beim Aufstehen hilft, wenn man stolpert ... von Bitte und Danke, oder einem höflichen Gruß ganz zu schweigen. Ich bin neugierig.

Dem Namen verpflichtet gegenüber Vorfahren und Nachkommen

Manieren kommen immer gut an, machen sympathisch und sorgen für ein Wohlgefühl beim Gesprächspartner. Kann auch für eine Karriere nicht schaden. Beim Adel liegt die Latte noch höher - „Noblesse oblige“, man ist von Geburt an dem Namen der Familie verpflichtet und zwar nicht nur hinsichtlich der Vorfahren oder der Nachkommen, sondern auch gegenüber der Bevölkerung.

Eliteschulen bilden die Basis für eine sehr gute Ausbildung, aber sie bieten zudem auch die Möglichkeit sich mit ‚Seinesgleichen‘ zu vernetzen. Networking heißt das im Managementjargon. Beim Adel helfen die Generationen übergreifenden Familienbande und seien sie noch so weit verzweigt. Eine gemeinsame lange Geschichte vereint eben!

Verantwortung: die grosse Bürde ...

Reisen erweitert den Horizont und gepaart mit Beziehungen und natürlich den monetären Möglichkeiten kann Neues ausprobiert werden. Es war aufgrund der ständigen politischen oder wirtschaftlichen Veränderungen am Weltmarkt auch immer notwendig neue Wege zu beschreiten. Eine große Last, die da auf den Schultern lastet. Die Grafschaft hat in vielen Bereichen eine visionäre Stellung eingenommen. Sie waren bzw. sind Mitglied der Königlichen Wirtschaftlichen Gesellschaft der Freunde des Landes, von Verbänden, wie z. B. dem Afrikainstitut, der Königlichen zoologischen Gesellschaft von Paris, dem Roten Kreuz oder dem Zentrum für Initiativen und Tourismus.

Die Grafschaft - wie alles begann ...

Es begann im 15. Jhdt. Das spanische Königshaus befahl die Eroberung der Kanarischen Inseln. Gran Canaria galt im Jahr 1482 als formal abgeschlossen und der Befehlshaber und Feldherr Pedro de Vera wurde daraufhin zum ersten Gouverneur ernannt. Einer seiner Kapitäne war der edelmütige und hoch respektierte Pedro Agustín del Castillo (siehe Foto), der Vater des ersten Grafen von Vega Grande. Als hoch gebildeter Gelehrter beriet er in öffentlichen und privaten Angelegenheiten. Seine Niederschrift „Historische und geografische Beschreibung der Kanarischen Inseln“ gilt nach wie vor als eine der exaktesten Abhandlungen über die Kanarischen Inseln, die je geschrieben wurden.

König Karl III. ernannte Castillos Sohn Fernando Bruno del Castillo Ruíz de Vergara Bethencourt (1774 – 1819) zum ersten Grafen von Vega Grande. Solche Belohnungen waren damals durchaus üblich für Verdienste im Militär, in der Kirche, der Wirtschaft oder Wissenschaft. Er ehelichte Luisa Antonia Amoreto Manrique, einer Adeligen aus Genua einer Familie, die vornehmlich mit Handel ihr Vermögen machte. Mit ihr zeugte er  vier Kinder.  

‚Networking‘ anno dazumal

Die Grafenfamilie begann ab 1539 die wichtigsten Majorate und Adelsfamilien zusammenzuführen und zwar innerhalb von Gran Canaria als auch über die Grenzen hinweg, beispielsweise nach Genua. In der Finca Condal ist der weit verzweigte Ahnenbaum zu sehen. Die einzige Gräfin (Contessa) war Ana Fernanda del Castillo VI. (1859 – 1936) in der 6. Generation. Sie war mit  Fernando del Castillo Manrique de Lara verheiratet, doch sie hatten keine Kinder. Also ging der nächste Titel an ihren Neffen schwesterlicherseits, Fernando del Castillo y del Castillo VII. (1891 – 1951). 

• Der aktuelle „Conde de la Vega Grande“ ist in der neunten Generation Alejandro del Castillo Bravo de Laguna IX. (geb. 1928). Er heiratete María del Carmen Benitez de Lugo Massieu und zeugte mit ihr fünf Kinder: Alejandro, Iván, Fernando, María del Carmen und Patricia.

Stammbaum - herausragende Persönlichkeiten

Im 19. Jhdt. war die Grafenfamilie der größte Landbesitzer auf Gran Canaria und die Ländereien verteilten sich auf 16 der insgesamt 21 Gemeinden, was einem Fünftel der Inselfläche entsprach. Das Erbe bestand aus Gütern (Häuser, Ländereien, Mühlen, Fabriken, Tieren, Mieteinnahmen etc.) und sogenannten Wasserstunden, die von Eltern auf Kinder vererbt wurden. Sie waren im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gezwungen, sich auf die Veränderungen des Weltmarkts einzustellen. 

• Juan del Castillo Westerling (1813 – 1900) aus der vierten Generation war nicht nur der stellvertretende Gouverneur von Las Palmas, sondern auch ein anerkannter Maler und Kunstsammler. In der Bibliothek befinden sich einige historische Raritäten und er half dem Schriftsteller Agustín Millares Torres bei seinen Studien über die Kanarischen Inseln. Zudem gründete er die Familiensammlung über die Kunst des Flamenco.

• Der Onkel des IV. Grafen von Vega Grande war ein bedeutender Ingenieur und forschte in Paris und London über Mechanik und Hydraulik. Zurück in Spanien gründete er die Hochschule für Straßen- und Wasserbau in Madrid. 1807 wurde er von Zar Alexander I von Russland eingeladen, wo er bis zu seinem Tod blieb. Er war maßgeblich für die Planung und den Bau u. a. der Städte St. Petersburg, Kronstadt oder Novgorod beteiligt.

• Die wohlhabende Gesellschaft von damals folgte auch auf dem fernen Archipel den europäischen Moderegeln und bei den Damen bedeutete dies, vom Korsett bis zum Reifrock (sog. Krinolinen, einer Struktur aus Rosshaar und Leinen). Auf einem Plakat sind die Portraits der Damen zu sehen und ich erfuhr bei meiner letzten Führung, dass sie nicht traurig seien, sondern es sich in dieser Position geziemte ernsthafte Würde zu vermitteln.

• Leonor del Castillo Bethencourt (1800 – 1873), die Schwester der IV. Grafen, brachte aus Neapel den Brauch der Blumenteppiche zu Fronleichnam nach Las Palmas und nach La Orotava, eine Tradition die auch heute noch besteht.

Förderung der Kultur, Religion und der Humanwissenschaften 

Auch die Kulturförderung hatte seit jeher einen großen Stellenwert für die Grafenfamilie, die sie mit etlichen Stiftungen und Förderungen auslebt. Z. B. das Gabinete Literario (1844), dem Kanarischen Opernfestival (seit 1967) oder der internationalen Förderung von aufstrebenden kanarischen Künstlern, wofür der heutige Graf im Jahr 2012 als Mäzen der Musik eine Auszeichnung der Akademie der Schönen Künste der Kanaren erhielt. Seine Gattin führt den gemeinnützigen Verein zum Kinderschutz ‚Nuevo Futuro‘ und ließ die Casa del Niño in Las Palmas erbauen und 1938 an die Stadt überschreiben. 

Die Familie leistete seit jeher ihren Beitrag zur Kirche u. a. mit dem Bau der Kirche in Jinámar, San Antonio Abad, der Kapelle Santa Catalina in Las Palmas sowie der Kapelle Guadalupe in Juan Grande, wo übrigens auch einige der Grafen begraben wurden.

Wirtschaft im Wandel der Zeit

Viehwirtschaft - zu gleichen teilen mit den Hirten

Das Vieh auf Gran Canaria bestand vornehmlich aus Ziegen und Schafen. Im Jahr 1890 lag der Bestand der Grafschaft bei 2.000 Tieren, die in den Schluchten von Tirajana und Arguineguín weideten. Dabei wurde das sogenannte System der ‚Medianería‘ angewandt. Die Hirten stellten ihre Arbeitskraft zur Verfügung und die Grafschaft das Land. Dafür teilten sie sich die Produktion aus Milch oder Käse zu gleichen Teilen. Diese Rechte der Hirten wurden von Vätern auf ihre Söhne vererbt. Zudem gab es auch Esel und Domedare, die jedoch als touristische Attraktion die Besucher bei Ausflügen in die Dünenlandschaft von Maspalomas trugen, zu einer Zeit als Meloneras oder das Campo Internacional noch nicht existierte.

Salz, das weisse Gold

Im Jahr 1537 kam Salz ins Spiel. Man produzierte in den ersten Salinen auf Gran Canaria (jene von Juan Grande), mit einer Produktionsmenge von 400 Tonnen jährlich, das meiste Salz auf der Insel. Es war das weiße Gold und maßgeblich für die Fischerei von Bedeutung, denn es wurde zum Konservieren von Fisch verwendet. Bis zu 90 Prozent der Produktion diente diesem Zweck. Mit der Erfindung der Kühlschränke und der Entkolonialisierung der afrikanischen Küste war das Salz dem Niedergang geweiht und vor 30 Jahren wurden die Salinen stillgelegt.

Zuckerrohr 

Ein bedeutender Wirtschaftszweig im 16. Jhdt. war die Zuckerherstellung durch den Anbau von Rohrzucker bis hin zur Verarbeitung und dem Export. Ursprünglich initiiert von Hernán García del Castillo und seinem Sohn Cristóbal schlossen sich später die Familienzweige der Cairascos (Guía), Lezcano-Muxicas (in Tenoya) und Aguilars der gräflichen Familie an. Die Fabriken wurden mit Wasser betrieben und in der Nähe von Quellen an Schluchten erbaut.

Die Koschenille-laus bringt Farbe ... und Geldsegen

Die Koschenilleschildlaus („Cochinilla“) kam ursprünglich aus Zentral- und Südamerika und lieferte als Parasit auf den Feigenkakteen einen hochwertigen natürlichen Farbstoff. Mit den Seefahrern kam sie auf die Kanaren und die Produktion des roten Farbstoffes ersetzte bald den des Zuckerrohrs. Zollbeamte verzeichneten im Rekordjahr 1876 die stolze Menge von 7.000 Tonnen getrockneter Insekten. Die Grafschaft von Vega Grande war der größte Exporteur auf Gran Canaria, was der hohen Qualität geschuldet war. Die Ausfuhr ersetzte Ende des 19. Jhdts. jenen des Weinexports. Erst um 1890 brach dieser Sektor zugunsten des Handels mit Bananen, Kartoffeln und Tomaten ein. 

Bananen aus der 'Neuen Welt'

Die Entdecktung der neuen Welt brachte auch die Bananen im 15. Jhdt. auf die Kanarischen Inseln Der industrielle Anbau begann um 1850 und drei Jahrzehnte später begann man nach Großbritannien zu exportieren. Die hiesigen Bananen sind kleiner, dafür viel aromatischer und süßer als ihre amerikanischen Schwestern, weshalb sie in den letzten Jahren wieder entdeckt wurden. Im Mai 2011 erteilte die EU der „Plátano de Canarias“ das europäische Qualitätssiegel und somit den markenrechtlichen Schutz.4)

Die Grafschaft begann mit dem Vertrieb Ende des 19. Jhdts. und nutzte dafür ihre Plantagen in Arguineguín und Jinámar. Sie verfügen über die geschützte Ursprungsbezeichnung, das ihre Herkunft und Besonderheiten anerkennt. Derzeit werden die Sorten „Gran Enana“ (Grand Cavendish) sowie „Pequeña Enana“ (Dwarf Cavendish) produziert.

Wein, du edler Tropfen

Mit den Billigproduktionen des Zuckers besonders in Lateinamerika kam dieser Wirtschaftszweig auf den Kanaren zum Erliegen und die Grafschaft entdeckte den Weinanbau für sich, erstmals im Raum Telde. Man brachte Weinreben, die sich gut an die hiesigen klimatischen Bedingungen anpassten und zudem war mit der Weinproduktion bei weitem weniger Arbeit verbunden, dafür umso mehr Know-How erforderlich. Der erste Graf Fernando Bruno del Castillo baute den Familienweinkeller aus (um 1800). Die Arbeit mit den Weinreben begann ‚Früchte zu tragen‘ und schon bald machte der Wein von sich reden. Die Lagerung erfolgt in Fässern aus französischer Eiche, welche die Tropfen veredeln sollen und sie darüber hinaus haltbarer macht. 1877 erhielt die Bodega den „Premio Perfección” für seinen Jahrgang 1869 in Madrid und das Jahr darauf in Paris die Goldmedaille. 2005 wurde ihr Rotwein “Conde de la Vega Grande” Jahrgang 2003 mit der Goldmedaille Radio Turimos prämiert. Das historische Prunkstück der Bodega ist die ungeöffnete Flasche Champagner Moet & Chandon, Crand Crémand Imperial aus dem Jahr 1743.

Tipp: Zum Abschluss der geführten Touren durch die Finca Condal können sie den Wein verkosten.

Tomaten - Paradiesfrucht als Retter

Mit dem Tomatenanbau begann die Grafenfamilie ab 1874, der bis zu den 1960-er Jahren die Haupteinnahmequelle war und danach durch das Tourismusprojekt „Maspalomas Costa Canaria“ abgelöst wurde. Ausgehend von den Plantagen von Jinámar erweiterten die Grafschaft ihre Produktionsflächen für den Tomatenanbau nach Maspalomas und Arguineguín. 1885 begannen sie zu exportieren, wobei die Hauptabnehmer Großbritannien und Deutschland waren.2)

Maspalomas - von der 'Raumfahrt' zum Tourismus

Die Grafenfamilie überließ 1960 für einen befristeten Zeitrum das Land zum Bau des Raumfahrtzentrums, das bis 1974 der NASA gehörte. Diese „Estación Espacial de Maspalomas“ nahm an verschiedenen Programmen teil, wie z. B. Mercury (1959 – 1963), Gemini (1962 bis 1966) und Apollo (1961 – 1972). Von dort wurde die erste Mondlandung der Apollo XI verfolgt. Die Astronauten Armstrong, Aldrin und Collings besuchten Maspalomas am 6. Oktober 1969 nach ihrer Heldentat.

Tourismus: Alles auf eine Karte

Der heutige Conde Alejandro del Castillo Bravo de Laguna legte als federführender Investor den Grundstein für die Entwicklung von Maspalomas als Tourismusdestination mit der Gründung der Gesellschaft „Maspalomas Costa Canaria“. Auf Reisen sah der Graf die angesagten Urlaubsorte auf der Welt und war der Meinung: „Das können wir auf Gran Canaria auch alles bieten“. Ich weiß nicht ob er geahnt hat, dass sich aus dieser Vision einmal die wichtigste Urlaubsdestination Spaniens entwickeln würde. Dazu wurde ein internationaler Ideenwettbewerb ausgeschrieben, den eine französische Werbeagentur gewann und Masplaomas als Vorreiter des Gesundheitstourismus mit dem ‚besten Klima der Welt‘ vermarktet. 

• Auf dem 17 Kilometer langen Küstenabschnitt wurden die notwendigen Infrastrukturen (Straßen, Strom, Wasser) auf diesem brach liegenden Terrain erschaffen und im Jahr 1962 in Zusammenarbeit mit schwedischen Investoren „Nueva Suecia“, die erste Ferienanlage, in San Agustín errichtet. Erweitert wurde die Anlage durch das Restaurant La Rotonda, dem Komplex Los Caracoles und dem Hotel Folías. Eine schwedische Kirche und Schule folgten. Es waren also die Schweden, die Maspalomas zuerst für sich entdeckten.

• Der weitläufige Golfplatz von Maspalomas vor den emblematischen Dünen wurde am 15. Januar 1968 eröffnet und ergänzte das touristische Angebot. 

•  Der Grundstein für den ersten Themenpark Spaniens wurde 1969 mit dem Bau von Sioux City gelegt, der auch als Filmkulisse diente.5)

• Das Land für den 1970 eröffneten Aero-Club Gran Canaria trat die Familie ab.

• Selbst heute nimmt die Familie in form der Unternehmensgruppe Vega Grande an strategischen Projekten für die Entwicklung von Gran Canaria teil und wird bei wichtigen internationalen Foren von öffentlicher Seite (Gemeinde, Inselregierung etc.) regelmäßig eingeladen. 

• Mit Partnern halten sie Anteile an Unternehmen für hydraulische Infrastrukturen, Wasserentsalzung, erneuerbare Energien, regionalen Flugverkehr, Immobilien und natürlich Tourismusinitiativen. Der aktuelle Graf ist nicht nur ein begnadeter Investor, sondern auch ein talentierter Künstler. In einer Vitrine von Juan Grande ist ein filigran mit Hand bemalter Stammbaum ausgestellt und weitere Exponate mit kanarischen Landschaftsmotiven hängen im Erdgeschoß der Finca Juan Grande (siehe nächsten Abschnitt) beim historischen Fuhrpark.

Offene Türen - Finca Condal gibt Einblicke

Die Finca Condal ist das bedeutendste Museum südlich von Las Palmas. Es  gibt zudem Einblick in das Leben anno dazumals (Wirtschaftsräume, Bodega, Salon, Schlafzimmer, Garten, Pferdekutsche und natürlich den Fuhrpark). 

Die Finca Condal in Juan Grande wurde von der Grafenfamilie selbst nie bewohnt, sondern diente ihren Verwaltern als südlichster Sitz auf Gran Canaria. Dahinter gab es nichts. Nur eine Straße führte hierher und man durfte die Finca nur autorisierte Personen mit Passierschein betreten. Lange Zeit bezeichnete man die Finca Condal auch als „Das Tor zur Wüste“. Aber, es lebte der Verwalter der Grafschaft hier und sah nach dem Rechten. Die einfachen Arbeiter schliefen in zeitlich befristeten Quartieren (Cuarterías) in der Umgebung. Für sie wurde die Kapelle errichtet, die ebenfalls zum Anwesen zählt sowie der wunderschöne Garten.  

Vor etwa eineinhalb Jahren wurde dieses Paradebeispiel an kanarischer Architektur in Zusammenarbeit mit der Inselregierung von Gran Canaria als Museum eröffnet. Im Erdgeschoss, eingebettet in die historischen Räume mit den originalgetreu restaurierten Holzböden und -decken, wird die Geschichte der Insel vor und nach der Eroberung erläutert. 

Das Obergeschoss dieses herrschaftlichen Anwesens widmet sich der Grafenfamilie aus allen Facetten, mit Portraits aller acht „Condes“ und der einzigen „Contessa“. Es vermittelt die jahrhundertelange Arbeit der Grafschaft. Viele der Antiquitäten hat die Grafenfamilie aus dem eigenen Fundus beigesteuert. Das Hauptdomizil des aktuellen Grafens ist in der Altstadt Vegueta. 

Tipp: Man kann die Finca Condal für besondere Anlässe auch buchen, wie z. B. für Hochzeiten (einzigartige Hochzeitssuite zum „Eintauchen in die Geschichte“) mit Ankleidezimmer etc.

Finca Condal als Eventlocation

Regelmäßig finden in der Finca Condal Veranstaltungen statt, z. B. Galen oder Konzerte. Die fantastische Sopranistin Judith Pezoa gibt anläßlich des Monats der Frau am 24. März um 12.00 Uhr ein Konzert in der Kapelle. Begleitet wird sie von der Pianistin Larisa Baravik. 

Danach kann der köstliche Wein des Grafens (ein Cabernet Sauvignon mit regionalem Ziegenkäse) verkostet werden. 

Um 14.00 Uhr spielt in der schönen Gartenanlage eine kubanische Band mit lateinamerikanischer Musik auf. Für Gaumenfreuden sorgt Angel Palacios, Chef des Restaurants Tradiccion und mit dem Michelin ausgezeichnet.

Vielleicht kommt ja sogar jemand aus der Grafenfamilie dazu ...

Eintritt: 8 Euro. Reservierung erforderlich

Quellverweise:
1)Viva Canarias Nr. 114 vom 24. Februar 2017 „Finca Condal, des Grafen Tor zur Wüste“
2)Viva Canarias Nr. 120 vom 2.6.2017 „Tomatenmuseum in Vecindario“ 
3)Viva Canarias Nr. 15 vom 3.8.2012 „Mexikanische Laus bringt Farbe ins Leben, und auf die Kanaren“ sowie Nr. 89 vom 18.12.2015 „Ökofarbe der Cochinilla-Laus“
4)Viva Canarias Nr. 7 vom 13. April 2012 „Bananen, der ganze Stolz der Kanaren“
5)Viva Canarias Nr. 8 vom 27. April 2012 „Sioux City, Reiten Sie zurück in die Vergangenheit des Wilden Westens“