Ausgabe Nr.
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J M upload 02.01.2024, Viva Edition 207 | Print article

Die Geschichte des kanarischen Weinanbaus - ein Blick zurück

Die Weinlese 2023 - Glück gehabt. Trotz der vielen Hitzewellen des vergangenen Jahres dürfen sich die kanarischen Winzer auf eine erfreuliche Erfolgsbilanz freuen und zwar sowohl aus qualitativer als auch aus quantitativer Sicht.

Die Produktionsmenge auf den Kanarischen Inseln von der Enologischen Vereinigung auf insgesamt 70.039 Hektoliter geschätzt, was einer Steigerung von 11,3 Prozent entspricht. Allerdings ist diese Menge in Relation zum Gesamtvolumen Spaniens ein ‚Tropfen auf dem heißen Stein‘. Außerdem musste landesweit im Jahr 2023 ein Rückgang von 18,15 Prozent auf 33.605.271 Hektoliter hingenommen werden. 

Auf den Kanaren mussten sich die Winzer enorm anstrengen, wie z. B. in der Gemeinde Valsequillo. So musste öfter bewässert werden, damit die Reben den hohen Temperaturen besser standhalten konnten. In vielen Anbaugebieten musste zudem die Lese um einen Monat vorgezogen werden. 

Ein Blick zurück

Die Hispanisierung bzw. Unterwerfung der Kanarischen Inseln war ein über ein Jahrhundert dauerndes Unterfangen, das anfänglich auf Initiative wohlhabender Adeliger und Kaufleute selbst finanziert wurde, zwar mit dem Wissen des spanischen Königshauses, aber ohne deren Unterstützung. Es begann im Jahr 1402 mit der Landung des französischen Adeligen Jean de Béthencourt vor La Graciosa und unterwarf anschließend Lanzarote. Viele erfolglose Versuche anderer über fast ein Jahrhundert lang fanden 1493 für Teneriffa schließlich zum Erfolg.

Mit den danach folgenden Besiedelungswellen kamen Entdecker, Mönche, Eroberer und Abenteurer, neue Siedler aus Spanien, aber auch aus anderen Ländern Europas. Mit diesen neuen Kulturen gelangten zudem neue Bräuche und Lebensmittel auf den Archipel, so wie die Weinreben.

Die Anfänge kamen mit der Hispanisierung

• Hannibal, der Sohn des Eroberers Gadifer de La Salle, soll einen Weinberg auf Fuerteventura bereits zwischen 1402 und 1412 angelegt haben und ihm seinen Namen gegeben haben. Allerdings bot die wasser- und vegetationsarme Insel kaum Möglichkeit für einen erfolgreichen Ausbau.

• Auf El Hierro soll der Engländer John Hill im Jahr 1526 der erste gewesen sein.

Lanzarote verfügt rund um La Geria über die spektakulärste Weinroute des Archipels. Wer hätte sich gedacht, dass ausgerechnet jenes Eiland, das kaum über Wasser und über noch weniger Vegetation verfügt, dafür über jede Menge karges Vulkangestein, starke Winde und viel Sonne, mit feinen Qualitätsweinen aus der Malvasia Rebe international viel beachtet wird.Die erfolgreiche lanzarotinische Weinproduktion, trotz ungünstigster natürlicher Voraussetzungen, verdanken wir dem Einfallsreichtum und ungewöhnlichen Methoden der Bewohner. Sie pflanzten die Reben in tiefe Erdmulden, schütteten sie mit der Vulkansteinchen zu, die einen hervorragenden Schutz vor der Hitze boten und zudem die Feuchtigkeit aus der Luft gut aufnehmen und speichern konnten. Niedrige Steinmäuerchen schützen jede einzelne Rebe vor den mitunter starken Winden. Und so entstand eine außergewöhnliche Landschaft, die von der UNESCO zum Kulturerbe deklariert wurde. Besonders die Weißweine, meist von der Malvasia-Rebe, werden international viel beachtet.2)

• Auf Gran Canaria war der Holländer Daniel van Damme einer der Pioniere, der in der Zone des heutigen Bandama Vulkankraters im 15. Jhdt. den ersten Wein anbaute. Diese Gegend ist heute die Ursprungsgeschützte Weinanbaugegend D.O. Monte Lentiscal.

• Im Jahr 1457 soll der Portugiese Fernando de Castro den Grundstein für die Erfolgsgeschichte des Weinanbaus Teneriffas gelegt haben. Der fruchtbare Boden, die üppige Vegetation und der Wasserreichtum und die Orographie eigneten sich auf dieser Insel deutlich besser für die Produktion, die anfänglich vor allem dem Eigenbedarf für Familie und Freunde diente.

Weinproduktion Kanaren

Geschichte: mal aufwärts, mal abwärts ...

Schon kurz nach der Entdeckung der neuen Welt kam der bis dahin wichtige Wirtschaftszweig des Zuckerrohranbaus in Bedrängnis, denn mit den billigen Produkten aus Übersee, die dem Einsatz von Sklaven geschuldet war, konnten die Kanaren nicht mithalten. Also begannen immer mehr Landwirte  als Ersatz mit der Weinkelterei - und das höchst erfolgreich. Schon bald erreichten die kanarischen Weine eine Qualität, die auf dem ‚alten Kontinent‘ höchst geschätzt wurden. Aufgrund der im Schiffsverkehr strategisch guten Lage im Schnittpunkt dreier Kontinente wurde bereits 1514 nach Madeira exportiert, 1517 nach Jérez und 1519 sogar nach Großbritannien, wo Shakespeare und Walter Scott von den ‚edlen Tropfen der Inseln des ewigen Frühlings‘ geschwärmt haben sollen. König Philipp II. soll 1573 über die rosige Entwicklung der kanarischen Weinexporte 1573 vorgelegt worden sein, was er wohlwollend zur Kenntnis nahm.

• Im 17. und 18. Jhdt. erlebte der kanarische Weinexport einen starken Rückgang, denn bei ihrem größten Abnehmer, Großbritannien, wurden Produkte aus Madeira und Porto immer populärer und bildeten eine große Konkurrenz für den Canari

• Etwa um 1870 kam es zu einer Tragödie im internationalen Weinmarkt. Die aus Amerika eingeschleppte Reblaus (zool. phyloxera) zerstörte fast die kompletten Weinanbaugebiete Europas, denn dieser Schädling tötete die Wurzeln der Reben. Nur einige wenige, abgelegene Gegenden  blieben von einem Befall verschont. Zu ihnen zählten beispielsweise Chile, das durch die Atacama Wüste im Norden, dem Ozean im Westen und den Anden im Osten territorial isoliert war. Auch Montalcino in der Umgebung des Ätna Vulkans, der Riesling aus der Mosel-Region in Deutschland und der ganze Kontinent Australien hatten Glück. Daraufhin wurden in Europa gesunde Reben aus der ganzen Welt importiert, gekreuzt etc., um die Stöcke resistent zu machen und die Produktion wieder hochzufahren.

Die Kanaren zählten zu den ‚glücklichen Gewinnern dieser Tragödie‘, denn auch sie blieben von diesem Schädlingsbefall verschont. Diesem Umstand verdanken sie es, dass auf dem Archipel originäre Rebsorten zu finden sind, die es sonst nirgendwo auf der Welt mehr gibt. Die Einzigartigkeit der kanarischen Weine sind die Summe aus jahrhundertelanger Tradition, einzigartiger Rebsorten, Mutationen, Kreuzungen und die einzigartigen natürlichen Gegebenheiten, die sich durch die Gegend, das Mikroklima, die Bodenbeschaffenheit ergeben. 

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siehe auch

Kanarische D.O. Weine (Denominación Origen) und Bodega Monje

Weinwirtschaft heute: Trend Enotourismus

CERVIM: Kanarische Weine überzeugten beim Mondial des Vins Extrêmes 2023