Ausgabe Nr.
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J M upload 09.09.2018, Viva Edition 34 | Print article

Das versunkene Reich der Altkanarier Teil 1 - Cueva Pintada

Dieses Mal reisen wir in die Vergangenheit, und zwar in das versunkene Reich des letzten altkanarischen Herrschers nach „Agaldar“, wie einst das heutige Gáldar genannt wurde. Vor den Eroberungen durch die spanischen Konquistadoren war hier einst der Sitz eines der beiden Könige (Guanartemes) von Gran Canaria. So ist es nur logisch, dass gerade in dieser Gegend bedeutende archäologische Funde gemacht wurden. Allen voran ist die „Cueva Pintada“ (dt. „bemalte Höhle“) wohl der bekannteste. Um das kanarische Kulturerbe zu erhalten, aber auch, um es für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, öffnete im Jahr 2006 der Archäologiepark von Gáldar seine Pforten. Seitdem lockt er jedes Jahr einheimische wie fremde Besucher an und auch wir gehen auf Erkundungstour.

Museo Parque Arqueologico Gáldar

Wer die Kultur wirklich kennenlernen möchte, der kommt um einen Besuch des Museo Parque Arqueologico Gáldar nicht herum. Die Fahrt ist bequem und führt über die Autobahn in nördliche Richtung. Etwa ab Höhe Las Palmas fahren wir entlang der Küstenstraße und der wunderbaren Meereskulisse und erreichen nach etwa 27 Kilometern unser Ziel Gáldar. Ab jetzt folgen wir den Hinweisschildern „Cueva Pintada“. Nur einen Steinwurf von der stattlichen Kirche entfernt befindet sich ein Parkplatz und auch das „Museo y Parque Arqueológico Cueva Pintada“. Uns empfängt der Direktor José Ignacio Sáenz Sagasi, der uns durch die Anlage führt und dabei das eine oder andere interessante Detail erzählt.

Die versunkene Stadt

Herzstück ist die Höhle „Cueva Pintada“, die im Jahr 1862 zufällig von Cochinille-Läusezüchtern im Rahmen ihrer landwirtschaftlichen Arbeit entdeckt wurde. Ein Jahr danach, im offiziellen Jahr der Entdeckung, öffnete ein gewisser José Ramos Orihuela die Höhlendecke und legte die Malereien dieser Höhle der Altkanarier frei. 

Die englische Reiseschriftstellerin Oliva Stone soll im Jahr 1884 dieses bedeutende Kulturerbe erkannt haben. Die resolute Dame soll die Gemeinde gebeten haben, das Terrain zu erwerben und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Drei Jahre verfasste der französische Anthropologe René Verneau nach seinem Besuch in Gáldar eine minutiöse Beschreibung, und viel Zeit sollte vergehen, bis man sich von öffentlicher Seite her um die Erhaltung des Kulturguts bemühte. 

Nach wie vor wurden die Felder rundum bewirtschaftet, und die hohe Luftfeuchtigkeit machte den Malereien in der Zwischenzeit ernsthaft zu schaffen. Erst im Jahr 1972 wurde diese Ausgrabungsstelle zum „Monumento Histórico Artístico“ erklärt. Unter anderem führte die Problematik des Zerfalls durch die Feuchtigkeit dazu, dass der Zugang zehn Jahre danach wieder gesperrt wurde. Im Jahr 1986 wurde die „Cueva Pintada“ dann endgültig in den nationalen Plan der Archäologieparks aufgenommen.

Die ersten Siedler

Die Besiedelung von Gran Canaria begann vor etwa 3.000 Jahren. Man vermutet, dass die Altkanarier in mehreren Strömen aus dem afrikanischen Kontinent kamen. Um die 20.000 Menschen lebten hier bis die Zeit der Eroberungen durch die spanischen Konquistadoren. In Folge schrumpfte die Zahl der Ureinwohner auf etwa 3.000. Von denen die überlebten, wurden viele als Sklaven verschleppt.

Im 11. Jhdt. flohen viele Bewohner aus der damaligen Ansiedlung „Agaldar“, und bis heute ist nicht geklärt, was dazu führte, dass so viele Menschen überstürzt Haus und Hof verließen. Dort wo sich heute die Kirche befindet, auf dem Plaza de Santiago, soll einst ein wichtiger Versammlungsplatz gewesen sein. Man vermutet  wichtige archäologische Stätten unter den Plantagen von Gáldar. Doch  wahrscheinlich werden diese Geheimnisse nicht mehr gelüftet werden. Die Reste einer altkanarischen Siedlung befinden sich im Archäologiepark auf etwa 6.000 Quadratmetern Fläche. Es waren vermutlich um die siebzig Häuser und Höhlen, und man schätzt die Einwohner auf etwa 500. Diese befanden sich etwa fünf Meter unter dem Erdreich, auf der im Laufe der Zeit Felder für den Anbau von beispielsweise Bananen bewirtschaftet wurden. Schließlich entschied man sich, eine „Schutzhülle“ rund um diese Ausgrabungsstelle zu bauen, um so weitere Schäden des Kulturerbes zu verhindern. 

Vergangenheit trifft Gegenwart

Holzstege schlängeln sich durch das überdachte Areal. Moderne Edelstahlsitzbänke laden hier und da zum Verweilen ein und Flachbildschirme liefern zusätzliche Informationen, mehrsprachig versteht sich. Auch die Edelstahlgeländer kontrastieren mit dem herben Charme der Steine.

Hier befinden sich sowohl Wohnhöhlen als auch Steinhäuser, die oft in einen Hang – halb unterirdisch – hineingebaut wurden. Außen war die Form rund und die Dächer wurden von Holzbalken getragen, die allerdings heute nicht mehr zu sehen sind. Einbuchtungen im Boden weisen darauf hin, wo sich diese einst befanden. Sechs bis acht Familienmitglieder lebten in so einer Unterkunft und wenn man sich die „Größe“ ansieht, kann man sich das gar nicht wirklich vorstellen. Aber das Leben spielte sich normalerweise im Freien ab. Als bevorzugtes Baumaterial verwendete man Toba (gepresstes Vulkangestein) oder Basalt.

Zur besseren Veranschaulichung hat man in diesem Archäologiepark vier Häuser nachgebaut und so originalgetreu wie möglich ausgestattet, um das einstige Leben Altkanarier möglichst authentisch aufzuzeigen. Das Innere der Behausungen war kreuzförmig und Wände wie Boden waren meist mit roter Farbe gestrichen. Dazu diente „Almagre“ (Rötel) und man sieht noch heute die rote Farbe an manchen Steinen. Je nach Größe hatten die Steinhäuser eine oder zwei Nischen, die als Schlafkammer genutzt wurden. Man bettete sich auf Tierfelle. 

In der Mitte war der Familienbereich in dem auf einer kleinen Feuerstelle gekocht und gegessen wurde. Lebensmittel wurden in den damaligen Kühlschränken gelagert. Dabei handelte es sich um Löcher im Boden, die mit einem Holzdeckel versehen waren. Der Hausrat bestand aus Keramikgefäßen, Lederbeutel zum Transportieren von Waren oder Körben. Fackeln aus Pinienholz dienten zum Erhellen der Behausung. Vieh und andere Lebensmittel wurden außerhalb, oft auch in eigenen „Silos“ gelagert. 

Das Herzstück: Die bemalte Höhle

Mitten im Areal befindet sich das Herzstück, die „Cueva Pintada“. Diese ist mit einem Überbau eingefasst worden und kann durch Panoramaglas betrachtet werden. Eine komplizierte Apparatur misst das Klima und sorgt für die perfekte Zusammenstellung und Temperatur, denn „der größte Feind für dieses historische Kulturgut ist die Luftfeuchtigkeit“, wie uns Sr. Sáenz erklärt. 

Die Höhle wurde als Kultstätte für Zeremonien verwendet. Darauf schließt man unter anderem aufgrund der Funde, die mit der Entdeckung der Höhle gemacht wurden. Darunter befanden sich Mumien, Gefäße und andere Gebrauchsgegenstände. Vor dem Bemalen wurden die Spalten zwischen den Steinen mit einer Art Mörtel ausgeglichen, um so eine ebene Fläche zu erhalten, und anschließend mit Lehm poliert. Zweifelsohne ist die „Cueva Pintada“ eine der bedeutsamsten Fundstätten von Malereien der kanarischen Ureinwohner.

Die Symetrie der Motive ist bis heute einzigartig in ihrer Art. Man glaubt, dass die geometrischen Formen, die abwechselnde Verwendung der Farbe rot und weiß, die freien Flächen sowie die Anordnung rund um die Zahl zwölf eine Art Zeitrechnung oder Kalender bedeuten könnten.

Spagat zwischen allgemein zugänglich und Schutz des Kulturguts

Ein Schwerpunkt der Arbeit des Museums ist die Aufbereitung des kanarischen Kulturerbes und dieses mit Bedacht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Damit ist gemeint, dass die Informationen so vielschichtig wie möglich dem Besucher bereitgestellt werden. 3D-Filme bieten zusätzliche Informationen und ergänzen das Wissen rund um das Leben der Ureinwohner. Es stehen Bildschirme im Areal für weitere Infos zur Verfügung ebenso wie umfassendes Material im angeschlossenen Museumsshop. 

Das alles, samt der Führungen, wird  mehrsprachig angeboten, immerhin sind die meisten ausländischen Gäste deutsche Touristen. Trotzdem legt man Wert darauf, dass die Zentren nicht überrannt werden, und daher ist die Anzahl der Personen bei den geführten Touren limitiert. Die andere wesentliche Säule der Arbeit besteht in der Erforschung und Erhaltung des Kulturerbes. Nach wie vor werden laufend historische Gegenstände gefunden. Diese gelangen in das Labor, das sich im ersten Stockwerk befindet. José Ignacio Sáenz und sein Team sorgen dafür, dass jedes Stück fachmännisch gereinigt und konserviert, aber vor allem auch dokumentiert wird. Jedes einzelne Fundstück liefert wertvolle Informationen rund um das Geheimnis des kanarischen Kulturguts.

 Fortsetzung im nächsten Teil[1]

Kontakt:

Archäologiepark Gáldar
Museo y Parque Arqueológico Cueva Pintada in der c/Audiencia n° 2 in Gáldar (100 Meter vom Kirchplatz entfernt). Anfahrt: Auf der Autobahn GC1 nördlich, auf Höhe Las Palmas die Umfahrungsstraße Richtung Gáldar und der Küstenstraße folgen. Beschilderung „Cueva Pintada“, Parkplatz in der Nähe)

Öffnungszeiten
Sommer (15. Juni bis 15. September): Di. bis Sa. von 10.30 bis 19.30 Uhr, So. und Feiertage von 11.00 bis 19.00 Uhr. 
Winter (16. September bis 14. Juni): Di. bis Sa. von 10.00 bis 18.00 Uhr, So. und Feiertage von 11.00 bis 18.00 Uhr. Anmerkung: Letzter Einlass jeweils eineinhalb Stunden vor der Schließung).

Eintritt: 6 Euro (Gruppen über 14 Personen und kinderreiche Familien: 4 Euro, Studenten und Rentner über 65 Jahren: 3 Euro). Führungen in Deutsch, Englisch und Spanisch. Museumsshop.

Footnotes

  1. ^ Das versunkene Reich der Altkanarier Teil 2 - Backstage bei den Forschern