Ausgabe Nr.
Ausgabe Nr.
J M upload 31.10.2018, Viva Edition 145 | Print article

Pepe Damaso – 85 Jahre und viel Schaffenskraft

Wer von Gran Canaria abfliegt, der kommt um den Künstler José Dámaso Trujillo, bekannt als Pepe Dámaso, nicht vorbei. Über den Köpfen in der Abfertigungshalle des Flughafens Gando schweben seine Skulpturen „Aves“ (dt. Vögel). Der 85-jährige Maler und Bildhauer kreierte um die 7.000 Werke, die in nationalen und internationalen Galerien, öffentlichen Gebäuden und Museen zu sehen waren bzw. teilweise noch sind. Dámaso ist u. a. Ehrenbürger von Santa Cruz de Tenerife, Las Palmas de Gran Canaria und Agaete.

Der ‚echte Künstler‘

Foto v. li.: Julija Major (Herausgeberin Viva Canarias) und Pepe Damaso, Oktober 2018
Caption

Wir besuchten diesen ‚echten kanarischen Künstler‘ in seinem Domizil im Stadtteil La Isleta von Las Palmas de Gran Canaria. Dass er mir die Pforten öffnete habe ich Daniela Köhler zu verdanken, die ihn vor Jahrzehnten in der Kunstszene kennenlernte.

Die verzierte Fassade des Gebäudes wies auf verdächtig kreative Weise darauf hin, dass es sich hier um kein gewöhnliches Haus handelt. Aus Respekt vor der Privatsphäre kann ich an dieser Stelle nicht auf weitere Details der Gestaltung eingehen. Die Eingangstür zur Straße stand offen und gab den Blick frei in das Innere, wo der Hausherr, gemütlich auf einem Stuhl sitzend, uns schon erwartete und mit seiner herzlichen Begrüßung fühlte man sich gleich willkommen.

Frage und Antwort bzw. vice versa

Doch bevor Dámaso etwas von sich preisgibt, musste ich mich seinen meine Person betreffenden Fragen stellen, deren Antworten er mit Interesse zur Kenntnis nahm. Danach wurde das Produkt, ergo: Das Magazin, kritisch analysiert und erhielt zum Glück eine überaus wohlwollende Beurteilung. Plötzlich erhob er sich wie ein junger Bub, klatschte voller Vorfreude in die Hände und forderte uns auf ihm zu folgen. Jetzt führte er uns durch sein Heim und sparte keinen Raum aus, vom Schlafsaal und Umkleideraum, dem Zimmer seines Pflegers bis hin zur Küche etc. 

Unzählige Bücher stapeln sich in fast jedem Zimmer. Das Erdgeschoß scheint seinen philosophischen Wissensdurst zu stillen, während die oberen beiden Etagen mit den riesigen Ateliers vornehmlich der Erweiterung des Fachwissens dienen. Unzählige Gemälde, Skizzen, Figuren und Skulpturen veranschaulichen seine geballte Ladung an Kreativität und seinen unglaublichen Schaffensdrang. Fast geht es mir zu schnell.

Seine Liebe zur Heimat manifestiert sich in vielen Bereichen seines Lebens. Dámaso kämpft für den Erhalt der Kultur und ließ lange den Indigenismus im Malstil seiner Gemälde einfließen. Aber auch sein Zuhause spiegelt den Kanarenbezug wider, wie z. B. in der Küche, deren Wandfließen als Bordüre Ornamente der Cueva Pintada in Erdtönen darstellen.

Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Kultur!

Das lichtdurchflutete Foyer, dessen Wände mit kanarischen Motiven bemalt sind (Foto 01), ist eine Art zentraler Raum, in dem sein Liebling Federico, ein Vogel, residiert (siehe Foto li. u.). Von hier aus erreicht man Küche, Esszimmer etc. und über schmale und sehr hohe Treppen die ‚heiligen Hallen der Ateliers. Im Gegensatz zu mir, scheinen diese für den Maestro keinerlei Hürden darzustellen. Sein Arzt meinte, das sei eine gute physische Ertüchtigung, wie er mir erzählte.

Mit einer Selbstverständlichkeit erzählt Dámaso von seiner Krebserkrankung, und dass es ihm jetzt wieder den Umständen entsprechend gut gehe. Allerdings müsse er noch Medikamente einnehmen und wenn er sich schwach fühle, dann lege er zwischendurch kurze Erholungspausen ein. Kein Funke Selbstmitleid oder Jammern kommt ihm von den Lippen und während er fast fröhlich weiter erzählt und mir der Schreck in Bein und Mark eingezogen ist: „Nach meiner Krankheit haben Engel in meinem Bewusstsein eine enorme Bedeutung eingenommen. Seither male ich nur noch Engel in allen erdenklichen Facetten. Ich lebe mit offenen Augen und mit offenem Herzen im Hier und Jetzt.“

Seine Ateliers

Gleich zwei Etagen hat Dámaso seiner ungeheuren Schaffenskraft gewidmet. Die erste ist sein sogenanntes „Pre-Atelier“, in der die vielen Ideen ihre erste künstlerische Form annehmen. Farben, Tuben, Pinsel, Tische, Stoffe, Skizzen und etliche Regale, in denen Motive durch Objekte als Erinnerungsstütze arrangiert werden. Dann reifen die Ideen bis die Realisierung in Angriff genommen wird, was nicht immer der Fall ist. „In meinem Kopf sind immer 1000 Projekte, aber nur wenige davon werden realisiert“, untertreibt der facettenreiche Künstler maßlos, aber mit einem Augenzwinkern. Eine Couch dient den Pausen und wir plaudern ein wenig über sein Leben. Und auch hier stapeln sich die Bücher (siehe Foto 02 nä. Seite).

Was ist das Mysterium? 

Dámaso wurde am 9. Dezember 1933 in dem kleinen Dorf Agaete im Nordwesten von Gran Canaria geboren und die Malerei hatte in dem landwirtschaftlichen Umfeld der Einheimischen wohl damals wie heute einen exotischen Charakter. Sein Vater zweifelte, ob man mit so einem Beruf für sich sorgen kann. 

„Ich kam als Künstler auf die Welt. Mein Vater hat geweint als er gesehen hat, daß ich von meiner Kunst leben kann

Mir war seit früher Kindheit an klar, dass dies mein Weg ist und ich verfolgte mein Ziel ungeachtet jeglicher Bedenken von außen.“ Noch als Jugendlicher verdiente Dámaso mit der Malerei sein erstes Geld, was ihn in seinem weiteren Lebenweg bestätigte. Wer nichts zu sagen hat, der kann es auch nicht ausdrücken. Das Gegenteil ist der scharfzüngige Dámaso, der die Courage hat, seinen Gedanken auch Ausdruck zu verleihen: „Ein Künstler hat den Vorteil der Intuition. Politiker sind nicht auf dem Niveau, wo sie sein sollten. Sie räumen der Kunst zu wenig Bedeutung ein. Im Sügen von Gran Canaria gibt es kein einziges nenneswertes Kunstzentrum. Ich erachte es auch als Schande, dass man Justus Frantz im Stich gelassen hat und dieses enorme, einzigartige Kulturgut in Monte León, als einziges im Süden von Gran Canaria, aufgegeben hat. Während auf der ganzen Welt Leonard Bernstein zelebriert wird, hat dieser große Komponist genau hier auf Gran Canaria und zwar auf dieser Finca in Monte León regelmäßig verweilt und  komponiert. Der Süden transformiert sich in Zement und Geld. Aber die tropische Kultur wird überleben, davon bin ich überzeugt.“ 

Freundschaft mit Künstlerkollegen

Dámaso inspirierte andere kanarische Künstler, wie beispielsweise Néstor de la Torre, der die Ästhetik und Symbolik des Indigenismus auch in seine Werke einfließen ließ. „Man muss sich vorstellen, dass es damals schwer war sich mit der Welt zu verbinden. Es gab keine Telefone, Internet oder Facebook. Nicht nur das Dorf lag abgelegen, sondern auch die Insel. Aber irgendwie waren meine intuitiven Antennen immer aktiv und ich war mit dem Spirit der großen weiten Welt verbunden. Wir Künstler pflegten einen engen Austausch. Wir sind weder Canarios, noch Deutsche. Wir alle sind von demselben Planeten.“ 

Kunst ist immer schwierig, doch am Ende kompensiert das Ergebnis die Arbeit

Dámaso studierte in Madrid und Sevilla. Seine Expositionen waren in vielen internationalen, renommierten Galerien und Museen zu sehen, von New York bis Venezuela (siehe Steckbrief). „Wir Künstler kreierten eine Art Gedankenschmiede und tauschten uns regelmäßig aus. Mit César Manrique verband mich bis zu dessen Tod eine vierzig Jahre andauernde Freundschaft. Aus diesem Anlass ist ein Dokumentationsprojekt im Gespräch, doch das ist eine andere Geschichte. Und auch Néstor zählte zu Dámasos Freunden: „Néstor äußerte mir gegenüber eine seiner letzten Prognosen und meinte, das eine Invasion der Menschenmassen bevorstünde.“ Dann lächelte er und kommentiert: „Und irgndwie ist es ja eingetroffen“ in Anspielung auf die Touristenmassen.

Avantgarde anno dazumal

Seine Kunst galt als Avantgarde und Dámaso setzte sich im Laufe seines Lebens viel mit der einheimischen Kultur auseinander, besonders mit der Prähispanischen. Symbolik hatte seit jeher eine große Bedeutung. Der „Heilige Baum des Lebens“ in seinem Esszimmer (siehe Foto) zeigt ein Gesicht auf das Wasser läuft und soll assoziieren, dass dadurch eine klare Sicht auf die Dinge erreicht werden soll. Längst kreiert er neben Gemälden und Zeichnungen auch Industriedesigns und Skulpturen. An der Decke des 2010 in Gáldar wiedereröffneten Teatro Consistoral hängt seine Skulptur „Revelora“, in der sich kanarische Motive in Schneckenform zusammenziehen (Foto 04). Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass sich aus den Ästen des Drago Menschenfiguren in verschiedenen Positionen herauskristallisieren. Man entdeckt ein sich küssen wollendes Paar, aber auch Möwen, Schädel, Seepferdchen etc. (Foto 04: Juan Ramón Rodríguez Sosa)

• Zu seinen bekanntesten Werken zählen: La Umbria, Sexo quemado, Héroes del Atlántico, Juanita und Dragos y Teides. Seinen Schätzungen zufolge hat Dámaso im Laufe seines Lebens um die 7.000 Werke kreiert.

Jetzt male ich nur noch Engel ...

Seine Auszeichnungen ...

Für sein Wirken erhielt Dámaso 1996 den kanarischen Preis der Schönen Künste, im Jahr 2009 von der königlichen Akademie der Schönen Künste und 2013 das Ehrendoktorat der Universität Las Palmas de Gran Canaria. Zudem ist er Ehrenbürger von Agaete, Santa Cruz de Teneriffe und der Hauptstadt von Gran Canaria. 

• Voriges Jahr spendete Pepe Damáso fast seinen kompletten künstlerischen Nachlass dem kanarischen Volk. Er umfasst etwa 3.000 Ölgemälde, Kollagen und Mischtechniken, ca. 2.300 Zeichnungen, Aquarelle und Skizzen und um die 350 Objekte und Skulpturen. Diese werden derzeit katalogisiert, analysiert und kulturtechnisch bewertet und kommen anschließend nach Fuerteventura, wo sie in einem ihm gewidmeten Museum ausgestellt sein werden. Wir bleiben dran ... Und zur Verabschiedung küsst mich Dámaso noch väterlich auf die Stirn und wäre ich nicht so tapfer, würde mir fast ein Tränchen der Rührung kommen … 

Steckbrief Pepe Dámaso

José Dámaso Trujillo, bekannt als Pepe Dámaso, erblickte am 9. Dezember 1933 in Agaete das Licht der Welt. Im Jahr 1954 begann er an der Schule für Grafik und Malerei in Madrid zu studieren und anschließend in Sevilla. Mit 18 Jahren nahm stellte er im Rahmen von Sammelausstellungen in seinem Heimatdorf sowie in Las Palmas de Gran Canaria aus. 

1960: Erste Einzelausstellung im Instituto de Estudios Hispánicos in Puerto de la Cruz auf Teneriffa zu sehen. Danach folgten viele weitere Expositionen, wie z. B. in Kopenhagen und im Prado Madrid. 

1974 gründete er gemeinsam mit César Manrique das El Centro Polidimensional El Almacén auf Lanzarote und kollaborierte mit dem MIAC Kunstzentrum etc. In dieser Zeit waren seine Expositionen in Paris, Lissabon, Israel und in Übersee zu sehen (z. B. Havanna auf Kuba, Venezuela).

1992 wurde er künstlerischer Direktor am Pabellón de Canarias der Expo 92 in Sevilla. 1995 kreierte er den kanarischen Stand auf der internationalen Tourismusmesse World Travel Market in London, der darauf auch auf der ITB Berlin genutzt wurde. Zur Jahrhundertwende erhöhte sich die Anzahl seiner Skizzen und Grafiken (Er kreierte beispielsweise das Plakat für den Karneval). 

1996: Kanarischer Preis der schönen Künste und 2009 Preis der königlichen Akademie der Schönen Künste. 2013: Ehrendoktorat der Universität Las Palmas de Gran Canaria. Er ist zudem Ehrenbürger von Agaete, Santa Cruz de Tenerife und Las Palmas de Gran Canaria.