Ausgabe Nr.
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J M upload 02.02.2019, Viva Edition 50 | Print article

Töpferzentrum La Atalaya auf kanarische Art

Bandama, der größte und sicher auch beeindruckendste erodierte Vulkankrater der Insel, liegt nur wenige Kilometer südwestlich von Las Palmas. Eine Aussichtsplattform bietet einen atemberaubenden Rundumblick auf den Krater, die wunderschöne Landschaft und die schmucken und gediegenen Ortschaften im Einzugsbereich von Las Palmas. Hier befindet sich auch der älteste Golfplatz von Spanien, aber auch genau hier, wurden etliche archäologische Fundstücke der kanarischen Ureinwohner gefunden, wie z. B. Keramik- und Tongegenstände sowie die sogenannten „Pintaderas“ (Stempel Pintaderas - die 'Besitzmarken' der Urbevölkerung?).      

In unmittelbarer Nähe befindet sich auch das verträumte Dorf La Atalaya, eine der drei Hochburgen kanarischer Töpferkunst auf Gran Canaria. Einst war diese harte Arbeit nur den Frauen vorbehalten, aber es sollte „Panchito“ sein, der in den 1940er Jahren als erster Mann mit dem Töpfern begann.

Wir begeben uns auf eine Zeitreise in die faszinierende Welt des Locero (von „loza“, dt. Steingut) durch eine unglaubliche Landschaft, mitten durch malerische Berge der Region um Santa Brígida, die sich nach dem dringend notwendigen Regen in saftigem Grün präsentiert. Ein geheimnisvoller Schleier von luftigen Wolken umhüllt die Gipfel. Merklich kühler ist es hier oben und die Luft ist um einiges frischer, was ein tolles Atemgefühl schafft.

Immer wieder sehen wir uns zu einem Stopp genötigt, um die Eindrücke mit unserer Kamera festzuhalten.    

Die Fahrt: Ein Stop & Go

Angekommen in dem verschlafenen aber entzückenden Pueblo de La Atalaya parken wir unser Auto kostenlos am öffentlichen „Mini“-Parkplatz. Nach nur wenigen hundert Metern durch die kleinen Gässchen, vorbei an traditionellen kanarischen Häuserfassaden (alle super gepflegt) schlendern wir entlang eines schmalen Weges. Linker Hand reihen sich Häuschen und Höhlenwohnungen entlang der steilen Felswand während man rechts auf die wunderschöne bergige Landschaft blickt. Ein Schild weist auf die Töpferwerkstatt „Locero de La Atalaya“ hin, wo wir von der Leiterin Mercedes Cuenca schon empfangen werden.

Im Töpferzentrum von La Atalaya

Der kleine Innenhof wir von einem riesigen Steinofen dominiert und davor stapeln sich Tröge mit der Töpfermasse. Gleich daneben befindet sich die Eingangstür zur Werkstatt, wo schon fleissig gearbeitet wird. Uns erstaunt, dass wider erwarten drei Jugendliche emsig zugange sind. Adrian arbeitet gerade begeistert an einem „Brasero“ (dt. Feuerschale) und Juan an einem „Bernegal“ (Trinkschale).

Von Mund zu Mund überliefert

Aus dem formbaren Ton wurden und werden Gefäße zum Aufbewahren von Milch, Wein, Behälter für Lebensmittel oder Kastanienroste oder zum Backen hergestellt.

„Lediglich die ehrgeizige Überlieferung durch die Vorfahren hat das kulturelle Erbe bewahrt. Ausgrabungen in Fincas, Gärten und Ställen haben Scherben mit antiken Motiven zu Tage gebracht, welche es ermöglichen, die Töpfe so originalgetreu wie nur möglich zu gestalten“, erklärt uns Mercedes. Es gibt also keine Aufzeichnungen oder Dokumente, wie Sieuns erklärt. Sie selbst praktiziert und vermittelt das Handwerk seit über 30 Jahren und ihre Augen leuchten glücklich als sie uns davon erzählt. Man arbeitet genau so wie es seit vielen Jahren gemacht wurde und wie es von Generation zu Generation überliefert wurde. Die Töpfervereinigung wurde mit Unterstützung der Gemeinde im Jahr 2000 eröffnet. Menschen quer durch alle Altersklassen und Gesellschaftsschichten interessieren sich für dieses Kulturerbe. Die Kursteilnehmer erhalten ein Zertifikat, was ihnen für eine Mitgliedschaft in der kanarischen Kunsthandwerksvereinigung FEDAC zugute kommt.      

Herstellung nach „Urahnenrezept“

Wie so ein prachtvolles Stück Geschichte entsteht haben wir uns einmal näher angeschaut. Beim Material „Barro canario“ handelt es sich um kanarischen Ton vulkanischen Ursprungs. Das wird mühsam und oft zu Fuß aus den unwegsamen Barrancos geholt und auf dem Rücken getragen. Das kostet zwar kein Geld, aber viel harte Arbeit und Zeit.

Peeling für Hände und Füße

Im ersten Schritt werden die Vulkanstücke nach traditioneller Weise mit einem großen Stein auf einer steinernen Platte von Hand zerschlagen und danach fein gesiebt. Man bedenke, dass dies ursprünglich reine Frauenarbeit war, während die Männer mit den Viehherden über die Täler „spazierten“.

Nach dieser Knochenarbeit, werden die kleinen Kiesel in große Behälter gegeben und mit Wasser vermischt, wo sie etwa drei Tage liegen bis es die entsprechende Substanz hat, um sie verarbeiten zu können. Wann das soweit ist, liegt in der Erfahrung der Töpfer. „Man weiß halt wie es sich anfühlen muss, damit man gut arbeiten kann“ erklärt uns einer der Jungs. Dieser wird nun der Sand, der zuvor feingesiebt wird, hinzugefügt. Wie ihre Urahnen stampfen sie die Mischung mit den Füßen zu Knete. Lächelnd äußern sie, dass dies ein wunderbares Peeling für Hände und Füße ist.

Alles kommt aus der Natur

Die Masse ist nun bereit um zu Töpfergut verarbeitet zu werden.  Bei der Gestaltung orientiert man sich an die überlieferten traditionellen Vorlagen, die als Fotografien und als fertige Muster in der Werkstadt ausgestellt sind.

Gearbeitet wird ohne Drehscheibe. Die Verarbeitung gleicht ein wenig der Zubereitung eines Kuchens. Der „Teig“ wird geknetet, ausgerollt in Stücke geschnitten und dann, je nachdem was es werden soll, behutsam, mit viel Geduld und auch etwas Kraft, in Form gebracht. Teller etwa werden mit den Fingerknochen bearbeitet, doch wie wird ein Gefäß geschaffen? Ganz einfach: Dazu bedient man sich wieder der Natur. Die durch die Erosion glattgeschliffenen Steine am Strand dienen dazu, einen Knetklumpen auszuhöhlen. In vielen kleinen Schritten entsteht so der Bauch des Gefäßes. Mit einem Bimsstein, ebenfalls aus dem Meer, werden die Wände geglättet. Anschließend nehmen die jungen Künstler überflüssige Paste mit einem Spachtel ab, der eigentlich kein Spachtel ist, sondern ein Teil von einem Weinfass. Die Werkzeuge sind allesamt aus der Natur. So finden sich beispielsweise Teile von hartem Schilf, Stöcke, Steine und Schwämme auf der Werkbank wieder.

Bevor die Töpfe in den Ofen kommen, werden sie mit typischen Motiven verziert. Das können Spiralen, Palmen und Muster der Urväter sein, die vorsichtig etwa mit kleineren, glatten Stein in das noch weiche Material eingeritzt werden. Auch die Glasur besteht aus reiner Naturfarbe, meist in verschiedenen Nuancen Braun, die dem Steingut diese authentische Note verleiht.

Töpfern ist „IN“

Das Töpfern erfreut sich besonders in den letzten Jahren einer immer größer werdenden Beliebtheit. Einerseits sicher auch, weil man sich der kanarischen Identität gewahr wird oder, weil man im Stress einfach nicht töpfern kann. Der Prozess entspannt automatisch. Der Stolz und das Glücksgefühl ist unbeschreiblich, wenn man sein eigenes Gut fertig sieht, egal wie es vielleicht unter den kritischen Augen von Fremden bewertet werden würde.   DAS MUSEUM

Im ersten Stock ist eine Ausstellung über die Geschichte der kanarischer Töpferei untergebracht. Fotografien und Objekte veranschaulichen die einstige Art der Herstellung und Verwendung. Das Infozentrum dient regelmäßig auch als Vortragsraum.

Höhlenwohnung des Gründungsvaters Panchito

Gleich nebenan befindet sich das Höhlenhaus des Lehrers und Geistigen Vaters des Zentrums Francisco Rodríguez Santana, alias „Panchito“, der sich mit seiner langjährigen Geschäftspartnerin Antoñita „La Rubia“ gemeinsam für den Erhalt des Erbes eingesetzt hat. Er war Vorreiter, denn einst töpferten nur Frauen und das am Boden sitzend in einer Höhle. Er brach als Mann diese Lanze und erfand das Töpfern beim Sitzen und mithilfe eines „Arbeitstissches“. Sein Häuschen veranschaulicht das Leben von einst.

FAZIT: Für all jene, die nicht immer nur auf von Touristen überlaufenen Pfaden schreiten, ist ein Besuch von La Atalaya auf jeden Fall einen Besuch wert. Die zauberhafte Fahrt entlohnt den Ausflug. Ein absolutes Muss ist bei dieser Gelegenheit ein Abstecher zum nur fünf Kilometer entfernten Vulkankessel und die Aussichtsplattform von Bandama.

Kontakt (update am 3.3.2019)

Töpferzentrum „Locero de La  Atalaya“
Camino de la Picota 11 in La Atalaya bei Santa Brígida, Gran Canaria
http://usuarios.lycos.es/locero
Email: ecomuseo.panchito@telefonica.net
Tel.: 928 288 270
Anm.: Auf Anfrage kann man sich auch gerne auch zu einem Töpferkurs anmelden. Sra. Mercedes Cuenca: 659 170 646.

• Ecomuseo „Panchito“
Eintritt: 2,50 €
artesana@hotmail.es
Geöffnet: Mo. und Fr. von 10.00 - 13.00 Uhr, Di. und Do. von 10.00 - 14.00 und 17.00-19.00 Uhr